Wer Valentinos Titel für die Frühjahr/Sommer 2022 Kollektion hört, wir sich vermutlich bereits mit eine gewissen Angst konfrontiert sehen. Der Angst, dass dank zweijähriger Pandemie ein digitales sowie analoges Metaversum des medizinischen Bewusstseins nun auch die Inspirationen und der Modepioniere erobert hat - und infolge dessen mit Recht an der semantischen Bedeutung der Bezeichnung „Pionier“ zweifeln. Doch Hören ist nicht Sehen, dies gilt insbesondere innerhalb der Mode, allen voran der Haute Couture. Schließlich liegt diese laut Chambre Syndikale de la Haute Couture „im Mittelpunkt der Reflexion über die Berufung der Mode von morgen“ und ist somit das Vision und Inspirateur für die Mode der unmittelbaren Zukunft.
Am Place Vendôme zeigte Valentino-Designer Pierpaolo Piccioli seine eigene Vision, was er im modischen Kontext unter Anatomie versteht uns es wird mehr als wünschenswert, dass sich jedes übrige Modeuniversum seine Anatomie in die eigene Mode-oder viel besser Castingsprache aufnimmt.
Ein Meer von drapierten Liegefalten, das sich über körperbetonte Silhouetten stürzt und in einer taillenumschwingenden Organzaschleppe endet. kurz genug um darunter den Saum von Hot Pants aus goldenen Pailletten durchblitzen zu lassen. Und wie ganz selbstverständlich werden die sonst als solche kaum erkennbar getragenen Stay-up Strümpfe gezeigt.
Gemeinsam mit verschiedenen handdrapierten Organzakleidern zeigen verstärken lange Abendkleider, mal schulterfrei mit glänzenden violetten Schleifen statt Trägern, mal handgesmokkt, oder aber mit Schlitz am Bein, der natürlich so weit nach oben reicht, dass erneut ein stay up Strumpf zum Vorschein kommt, was Valentino unter Anatomie der Couture versteht: elegante Kleider oder auch gerne eine Hose mit komplex-drapiertem Top, das sich in eine Wasserfall blauer Schleppe stürzt um dort sein Ende zu finden.
Was aber noch kein Ende hat finden können ist die Frage, warum soll diese Kollektion eine Antwort auf die Anatomie der Haute Couture geben? Valentino - like elegante Kleider und Röcke, egal ob kurz oder lang, zeigen diese nicht viel eher die Anatomie des italienischen Designerlabels als in Bezug Couture?
Diese Fragen und Zweifel verschwinden, wenn Kreateur Pierpaolo Piccioli statt wie sonst üblich eines gleich zwölf Fitting Models für jeden einzelnen Entwurf in sein Designstudio rufen lässt. Einmal quer durch die BVG oder welche U-Bahn-Gesellschaft auch immer, zwölf Frauen -und auch Männer- die gerade hier sitzen, mitnehmen und mit handgenähten italienischen Unikaten einkleiden - so sieht die Vision des italienische Designers aus. Größe 40? Kennt man ja, das altbekannte Quoten-Plus-size-Model... Noch einmal, und diesmal sogar Größe 44? Dann auch noch ein Model mit grauen Haaren und eines, das wohl den Termin zum letzten Faltenlifting verpasst hat?
Keine Sorge, das Valentino Designteam hat keine psychoaktiven Drogen als Grundnahrungsmittel auf den Speiseplan der Cafeteria gesetzt, genauso wenig haben sie sich auf Korruption der italienischen Mafia eingelassen. Vielmehr hat das Team um Piccioli die realgetreue Anatomie in seine neue Version von Mode übersetzt - Silhouette, Schnitttechnik und Stoffauswahl meisterhaft zusammenfließen lassen und damit ein Resultat geschaffen, das Wohlfühlen, Ausstrahlung und Schönheit kombiniert.
Wir können nur hoffen, dass diese Anatomie zur unveränderbaren DNA nicht nur der Haute Couture, sondern allumfassend der Mode avanciert.
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