Robert Wun, Yuima Nakazato und Hodakova denken Kleidung als Bild, Objekt und Transformation
Mode muss nicht immer sofort gefallen. Sie muss auch nicht innerhalb weniger Sekunden erklärbar sein, als wäre jedes Kleidungsstück für einen Social-Media-Post mit eindeutiger Botschaft entwickelt worden. Manche der interessantesten Designerinnen und Designer arbeiten gerade gegen diesen Reflex: Sie bauen keine Looks, sondern Welten. Ihre Kleidung funktioniert nicht nur am Körper, sondern auch als Skulptur, Erzählung, Materialexperiment oder psychologisches Rätsel.
Drei Namen zeigen besonders deutlich, wie unterschiedlich diese neue Rätselhaftigkeit aussehen kann: Robert Wun macht aus Couture eine dramatische Handlung. Yuima Nakazato verbindet Hightech, Handwerk und Naturgewalten zu einer Art tragbarer Landschaft. Hodakova verwandelt ausrangierte Dinge in Kleidung und stellt damit die Grenze zwischen Mode und Objekt infrage.
Was sie verbindet, ist nicht ein gemeinsamer Trend. Im Gegenteil: Ihre Handschriften sind kaum zu verwechseln. Gemeinsam ist ihnen aber die Überzeugung, dass Mode mehr sein kann als ein fertiges Bild. Sie darf offenbleiben.
1. Robert Wun: Couture als inneres Theater
Robert Wun, in Hongkong geboren und in London ansässig, gehört zu einer Generation von Couturiers, die sich nicht damit begnügen, schöne Abendkleider zu bauen. Seine Entwürfe sind theatralisch, aber nicht bloß dekorativ. Sie handeln von Verwandlung: davon, wer wir sein wollen, was wir verbergen und welche Figur wir für einen Moment darstellen.
Wun gründete sein Label 2014. Nach seinem Debüt auf dem offiziellen Haute-Couture-Kalender als Gast im Jahr 2023 hat er sich in Paris als eine der eigenwilligsten Stimmen der jüngeren Couture etabliert. Seine Arbeit bewegt sich zwischen präziser Konstruktion, surrealer Bildsprache und einer fast filmischen Dramaturgie. In seinen Shows wird ein Look nicht nur präsentiert; er tritt auf.
Die aktuelle Kollektion: „Valour“
Für Frühjahr/Sommer 2026 trug seine Couture-Kollektion den Titel „Valour: The Desire to Create, and the Courage to Carry On“. Präsentiert wurde sie im Théâtre du Lido. Die Kollektion war in drei emotionale Kapitel gegliedert: Inspiration, Begehren und der Mut, weiterzumachen. Eine ausführliche Besprechung von Vogue beschreibt unter anderem eine Inszenierung mit Gewitterbildern sowie skulpturale, monochrome Silhouetten, präzise geformte Oberkörper und überdimensionierte, abgerundete Schultern. Ein vollständig mit kleinen Glasperlen besetztes Kleid wog rund 40 Kilogramm. Robert Wun Spring 2026 Couture
Diese Fakten sind spektakulär, aber sie erklären Wuns Arbeit noch nicht. Entscheidend ist, wie er das Spektakel einsetzt. Das Gewitter ist bei ihm keine bloße Kulisse für dramatische Modebilder. Es erzeugt einen psychologischen Raum: Die Kleidung wirkt, als käme sie aus einem Traum, einer Erinnerung oder einer Situation, die kurz vor ihrer Auflösung steht.
Wun selbst denkt in Szenen. In früheren Arbeiten beschrieb er das Ritual des Ankleidens als Handlung und gab jedem Look eine eigene narrative Funktion. Kleidung wird dabei zur Maske, aber nicht im oberflächlichen Sinn. Sie erlaubt einer Person, eine andere Version ihrer selbst zu betreten.
Bei Robert Wun ist Couture nicht nur das, was man trägt. Sie ist das, was man für einen Moment wird.
Warum Wun rätselhaft ist
Wuns Entwürfe sind auf den ersten Blick oft eindeutig: dramatisch, schwarz, körpernah, skulptural, mit Anklängen an Märchen, Horrorfilm oder Science-Fiction. Bei genauerem Hinsehen kippt diese Eindeutigkeit jedoch. Ein Kleid kann zugleich Rüstung, Haut, Vorhang und Verletzlichkeit sein.
Seine Stärke liegt in dieser Doppelbewegung. Die Silhouette ist präzise lesbar, die Bedeutung bleibt offen. Wun liefert keine Gebrauchsanweisung für seine Bilder. Er schafft eine Situation, in der die Betrachterinnen und Betrachter selbst entscheiden müssen, ob sie gerade eine Figur, ein Kostüm, ein Kunstwerk oder ein Kleid sehen.
Auch seine Karriere erzählt von einer Verschiebung: Wun begann mit Ready-to-wear und bewegte sich zunehmend in Richtung Couture. Das ist keine Flucht aus der Mode, sondern eine bewusste Entscheidung für Zeit, Handarbeit und Dramaturgie. Wo die schnelle Mode nach sofortiger Erkennbarkeit verlangt, setzt Wun auf Verzögerung.
Was von ihm bleibt
Robert Wun erinnert daran, dass Couture nicht zwingend alltagstauglich sein muss, um relevant zu sein. Ihre Aufgabe kann auch darin liegen, den Möglichkeitsraum des Körpers zu erweitern. Ein Kleid darf schwer, unpraktisch, übertrieben oder sogar ein wenig unheimlich sein. Gerade dadurch stellt es die Frage, warum Kleidung immer funktionieren muss.
2. Yuima Nakazato: Wenn Kleidung zu Landschaft wird
Yuima Nakazato arbeitet an einer anderen Form des Rätsels. Bei ihm steht weniger die psychologische Verwandlung im Vordergrund als die Beziehung zwischen Mensch, Material und Natur. Seine Couture sieht nicht aus, als wäre sie einfach entworfen worden. Sie wirkt eher, als wäre sie aus einer Landschaft geborgen, aus einer technischen Versuchsanordnung entwickelt oder aus einer fremden Zivilisation zurückgekehrt.
Der japanische Designer arbeitet an der Schnittstelle von Innovation, traditionellem Handwerk, Technologie und zeitgenössischer Kunst. Seit seinem ersten Auftritt auf der Haute-Couture-Woche ist diese Verbindung zentral für seine Arbeit. 2026 markiert für ihn das zehnte Jahr auf dem offiziellen Pariser Couture-Kalender. Yuima Nakazato
„Sea of Fire INFERNO“
Seine Herbst/Winter-Couture 2026/27 trägt den Titel „Sea of Fire INFERNO“. Ausgangspunkt waren die vulkanischen Landschaften Teneriffas und die Spannung zwischen Wasser und Feuer. Die Kollektion verbindet damit zwei Kräfte, die gegensätzlich erscheinen, aber beide lebensnotwendig und zerstörerisch sein können. Yuima Nakazato Couture Fall-Winter 2026–27
Die Bildwelt ist dabei nicht bloß ein Moodboard. Nakazato übersetzte die Landschaft digital auf Textilien; Epson war an einem digitalen Textildruck beteiligt, der im Vergleich zu konventionellen Druckverfahren Wasser- und Energieeinsparungen ermöglichen soll. Die Technologie wird also nicht nur als futuristische Oberfläche verwendet, sondern als Teil der Herstellung und der konzeptionellen Aussage.
Auf dem Laufsteg trafen längliche, fließende Silhouetten auf eine sogenannte „fragile armor“ aus keramischem Kettengeflecht. WWD beschrieb die Kollektion als Auseinandersetzung mit Dualität und verwies auf die Verbindung von wasserartigen Formen und keramischer Rüstung. Yuima Nakazato Fall 2026 Couture
Technologie ohne Techno-Ästhetik
Das Interessante an Nakazato ist, dass seine Technologie nicht wie ein Fremdkörper wirkt. Sie erscheint nicht als kalte Demonstration von Innovation, sondern als Mittel, um eine emotionale und körperliche Erfahrung zu erzeugen.
Seine Kleidung stellt Fragen wie:
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Wie kann ein Kleid gleichzeitig fließend und schützend wirken?
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Wann wird ein Material zur Erinnerung an eine Landschaft?
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Kann Hightech etwas Archaisches, beinahe Mythisches hervorbringen?
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Wo endet die Oberfläche und wo beginnt die Erzählung?
Nakazato interessiert sich nicht für die einfache Gegenüberstellung von Tradition und Zukunft. Er behandelt beides als miteinander verbundene Systeme. Handwerk ist bei ihm nicht das Gegenteil von Technologie. Technologie kann vielmehr neue Formen von Handwerk ermöglichen.
Warum Nakazato rätselhaft ist
Seine Entwürfe sind nicht über eine einzelne Referenz zu entschlüsseln. Man kann in ihnen vulkanische Gesteinsformationen, Schutzkleidung, Meer, Rüstung, Architektur oder Science-Fiction erkennen — und liegt mit keiner dieser Lesarten ganz falsch.
Das macht seine Mode produktiv offen. Sie zwingt uns nicht, eine einzige Geschichte zu akzeptieren. Stattdessen schafft sie eine visuelle Zone, in der Natur und Technik, Zerbrechlichkeit und Schutz, Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig existieren.
Nakazato entwirft keine Kleidung, die eine Landschaft abbildet. Er entwirft Kleidung, die sich wie eine Landschaft verhält.
Was von ihm bleibt
Yuima Nakazato zeigt, dass Materialinnovation nicht bei der Frage enden muss, ob ein Stoff nachhaltiger, leichter oder effizienter ist. Sie kann auch die Vorstellung davon verändern, wie Kleidung aussieht und sich anfühlt. Das Material ist bei ihm nicht nur Träger eines Bildes. Es ist selbst der Inhalt.
3. Hodakova: Das Kleid als wiedergeborenes Objekt
Bei Hodakova beginnt die Mode nicht mit dem leeren Blatt, sondern mit dem, was bereits existiert. Die schwedische Designerin Ellen Hodakova Larsson arbeitet mit ausrangierten Kleidungsstücken, Gebrauchsgegenständen und Materialien, die in einem anderen Leben bereits eine Funktion hatten.
Doch Hodakova ist keine Designerin, die lediglich vorhandene Dinge dekorativ zusammensetzt. Ihr eigentliches Thema ist die Transformation. Aus einem Gegenstand wird kein „Upcycling-Produkt“, das seine Herkunft stolz vor sich herträgt. Er wird zu etwas Neuem, manchmal kaum noch Erkennbarem.
Hodakova gewann 2024 den LVMH Prize. Ihr Label hat sich seither von einem vielbeachteten experimentellen Projekt zu einer der eigenständigsten Designsprachen der jüngeren europäischen Mode entwickelt.
Von Regenschirmen, Büchern und Reißverschlüssen
In ihrer Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026 mit dem Titel „Conventional Collection 112509“ beschäftigte sich Hodakova mit dem Kreislauf des Regens und der Idee von Wiedergeburt. Regenschirmstreben wurden zu korsettartigen Strukturen, alte Bücher zu Rock- und Kleiderformen. Auch ausrangierte Lederstücke, Gürtel, Hemden, Kissen und Bettlaken wurden in neue Silhouetten überführt. Hodakova S/S 2026
Die Entwürfe bleiben dabei nicht im Bereich des Bastelns. Durch Präzision, Spannung und eine klare Silhouette bekommen die Materialien eine neue Autorität. Ein Buch ist bei Hodakova nicht einfach ein Buch, das an einem Kleid befestigt wurde. Es kann zur Oberfläche, zum Gewicht, zum Volumen oder zur Erinnerung werden.
Für Herbst 2026 verschob sich der Schwerpunkt stärker auf Innenräume, Selbstbild und die Differenz zwischen äußerer Fassade und innerem Zustand. Vogue beschrieb beispielsweise schmale, apronartige Looks, bei denen die Vorderseite kontrolliert und geschäftsmäßig erschien, während die Rückseite den Körper verletzlicher und unerwarteter zeigte. Spiegel, Bettlaken und häusliche Elemente wurden zu Bestandteilen der Inszenierung. Hodakova Fall 2026 Ready-to-Wear
Die Kunst der Umdeutung
Hodakova stellt eine einfache, aber radikale Frage: Was ist ein Kleidungsstück, bevor wir es Kleidungsstück nennen?
Ein Reißverschluss kann Verschluss, Schmuck, Linie oder skulpturale Oberfläche sein. Ein Regenschirm kann Schutzobjekt, Gerippe, Volumen oder Körperstruktur werden. Ein Bettlaken kann an Schlaf, Intimität und Zuhause erinnern — oder als weißes Material jede konkrete Erinnerung abstreifen.
In dieser Umdeutung liegt die künstlerische Qualität ihrer Arbeit. Sie verwendet die Vergangenheit der Dinge nicht als nostalgische Dekoration, sondern als Rohstoff. Die Dinge behalten Spuren ihrer Herkunft, aber ihre alte Funktion wird außer Kraft gesetzt.
Hodakova macht aus dem Gebrauchsgegenstand kein Symbol für Nachhaltigkeit. Sie gibt ihm ein zweites Leben als Form.
Warum Hodakova rätselhaft ist
Hodakova verlangt einen zweiten Blick, weil ihre Mode gleichzeitig vertraut und fremd wirkt. Man erkennt die Materialien, aber nicht sofort ihre neue Funktion. Man sieht ein Kleid, doch die Konstruktion erinnert an Möbel, Architektur, Handwerk oder ein Objekt aus einer Traumlogik.
Diese Spannung unterscheidet sie von vielen Nachhaltigkeitskollektionen, die ihre ökologische Botschaft möglichst eindeutig kommunizieren. Bei Hodakova ist die Herkunft der Materialien nicht immer die Botschaft. Sie ist der Ausgangspunkt für eine ästhetische Untersuchung.
Was von ihr bleibt
Hodakova beweist, dass Kreislaufmode nicht zwingend nach Verzicht aussehen muss. Sie kann begehrlich, exzentrisch und formal anspruchsvoll sein. Noch wichtiger: Ihre Arbeit zeigt, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine Frage des Materials ist. Sie ist auch eine Frage des Blicks.
Wer gelernt hat, in einem alten Buch eine Rockstruktur oder in einer Regenschirmstrebe eine Körperlinie zu sehen, betrachtet seine Umgebung danach nicht mehr ganz gleich.
Drei unterschiedliche Arten, Mode geheimnisvoll zu machen
Robert Wun, Yuima Nakazato und Hodakova arbeiten mit völlig unterschiedlichen Mitteln:
Designer
Ausgangspunkt
Was daraus entsteht
Robert Wun
Emotion, Theater, Verwandlung
Couture als Erzählung
Yuima Nakazato
Natur, Technologie, Materialforschung
Kleidung als Landschaft
Hodakova
Gebrauchsgegenstände, Erinnerung, Transformation
Kleidung als wiedergeborenes Objekt
Wun macht den Körper zur Bühne. Nakazato macht ihn zum Ort, an dem Natur und Technologie aufeinandertreffen. Hodakova macht aus dem Körper eine neue Heimat für Dinge, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben.
Keiner dieser drei Ansätze lässt sich auf einen Trendbegriff reduzieren. Das ist vielleicht ihre wichtigste Gemeinsamkeit. Sie arbeiten nicht primär an der Frage, was als Nächstes „in“ sein wird. Sie arbeiten an einer eigenen Sprache.
Warum Rätsel in der Mode wichtig sind
Die Modebranche ist heute von Bildern überfüllt. Ein Look muss häufig sofort erkannt, geteilt und eingeordnet werden. Das kann zu einer visuellen Gegenwart führen, in der alles spektakulär, aber wenig geheimnisvoll ist. Die Bilder sind laut, doch ihre Bedeutung ist schnell erschöpft.
Rätselhafte Mode widersetzt sich dieser Geschwindigkeit. Sie verlangt Zeit. Sie lässt mehrere Lesarten zu. Sie kann irritieren, bevor sie überzeugt. Gerade deshalb besitzt sie eine besondere Nähe zur Kunst: Nicht, weil sie automatisch Kunst ist, sondern weil sie nicht alle Antworten gleich mitliefert.
Das Rätsel ist dabei kein Mangel an Klarheit. Im Gegenteil. Eine starke Designhandschrift kann sehr klar sein und trotzdem nicht vollständig erklärbar. Bei Wun erkennt man die Dramaturgie, ohne die Figur abschließend zu kennen. Bei Nakazato erkennt man die Gegensätze, ohne sie aufzulösen. Bei Hodakova erkennt man die Materialien, ohne ihre neue Identität sofort festlegen zu können.
Vielleicht liegt genau darin die Zukunft interessanter Mode: nicht in immer mehr Neuheit, sondern in mehr Deutungsspielraum.
Mode muss nicht immer sagen: „Schau, das bin ich.“
Manchmal ist sie stärker, wenn sie fragt: „Was siehst du in mir?“
Die drei Designer zeigen, dass zeitgenössische Mode wieder dann besonders spannend wird, wenn sie nicht nur Antworten auf Markt- oder Trendfragen liefert. Robert Wun führt uns in ein inneres Theater, Yuima Nakazato in eine techno-organische Landschaft und Hodakova in ein Archiv der Dinge.
Ihre Kleidung ist nicht rätselhaft, weil sie unverständlich wäre. Sie ist rätselhaft, weil sie mehr als eine Erklärung aushält.
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