Ein Gespräch über Malerei, Materialität und den Mut, loszulassen
Er gewann Wimbledon, holte Olympia-Gold, baute ein Unternehmen auf. Schon während seiner aktiven Karriere gründete er zudem die Michael-Stich-Stiftung, die HIV-infizierte und an AIDS erkrankte Kinder und deren Familien unterstützt – und er malt. Seit über zwanzig Jahren. Seit 2022 teilt er diese, seine zweite Leidenschaft auch für andere. Zur Vernissage seiner Ausstellung „Push Boundaries" in der Galerie Mond sprach ich mit Michael Stich über abstrakte Malerei, Zufall als Werkzeug und die Frage, was ein Bild leisten muss, damit es nicht langweilt
WER IST MICHAEL STICH, DER MALER?
WER IST MICHAEL STICH, DER MALER?
Sie haben zwanzig Jahre lang gemalt, bevor Sie 2022 erstmals ausgestellt haben. Was hat Sie so lange davon abgehalten – und was hat am Ende den Anstoß gegeben?
Michael Stich Ich habe immer für mich selbst gemalt, um meine Erlebnisse und Emotionen zu verarbeiten. Ein sehr guter Freund hat mich überredet, meine Kunst anderen zu zeigen und auszustellen. Damit habe ich dann vor vier Jahren begonnen.
Wimbledon, Davis Cup, Olympia-Gold – und dann die Malerei. Viele Menschen wechseln nach dem Sport in die Businesswelt. Sie sind in die Stille des Ateliers gegangen. Was suchen Sie dort, was Sie woanders nicht finden?
Michael Stich: Nach meiner Tenniskarriere habe ich mich auch lange unternehmerisch engagiert und ein eigenes Unternehmen aufgebaut, welches sehr erfolgreich läuft. Ich brauchte jedoch eine neue Herausforderung. Da die Kunst für mich schon während meiner aktiven Zeit eine wichtige Rolle spielte, war der Weg nicht so weit. Und ich glaube, auch als Spieler gehörte ich eher zu den Kreativen.
Sie kommen aus einer Welt, in der Erfolg, Scheitern und Grenzen durch harte, weiße Linien absolut messbar sind. In vielen Ihrer Bilder franst alles aus, nichts ist definiert. Ist diese Art der abstrakten Malerei für Sie die radikale Befreiung von der Messbarkeit?
Michael Stich: Die Bilder sind für den Betrachter in gewisser Weise auch messbar, jedoch immer subjektiv. Beim Sport geht es ausschließlich um Sieg oder Niederlage. In der Kunst, gerade in der abstrakten Malerei, geht es um Emotionen, Farben und Materialität. In meinen Werken geht es viel um mich, mein Leben und meinen Blick auf die Welt.
Sie haben Kunstgeschichte studiert, jahrelang als Sammler Galerien besucht und Künstlerinnen und Künstler begleitet. Inwiefern hat das Ihren Blick auf Ihre eigene Arbeit beeinflusst – oder hat es manchmal auch gebremst?
Michael Stich: Das Studium der Kunstgeschichte war interessant, da es wichtig ist zu verstehen, woher viele Dinge in der Kunst stammen und um einen Bezug zur zeitgenössischen Kunst herzustellen. Für mich ist jeder Besuch eines Museums oder einer Galerie eine Bereicherung und erweitert den Horizont.
„Für mich ist jeder Besuch eines Museums oder einer Galerie eine Bereicherung und erweitert den Horizont.“
WERK, PROZESS, MATERIAL
Die Ausstellung heißt ‘Push Boundaries’. Ist das Absicht – oder hat der Titel eine ganz andere, neue Bedeutung für Sie bekommen?
Michael Stich: Der Titel hat nichts mit meiner Sportkarriere zu tun, sondern vielmehr mit der Ausstellung – den Werken und den Materialien. Und er beschreibt auch den Zustand der Welt, wie ich sie sehe. Ich denke, wir alle müssen immer wieder Grenzen erweitern und verschieben, um voranzukommen.
Auf welche Art von Grenzen – seien es materielle, persönliche oder künstlerische – spielen diese Motive an?
Michael Stich: Es geht um den Bruch zwischen hauchdünnem Papier, über Leinwand, bis hin zu Aluminiumwannen. Der unterschiedliche Malgrund schafft einen Übergang von fragil zu starr. Trotz dieses Kontrasts ist die Malerei das Übergeordnete und Verbindende, das beim Betrachter Emotionen hervorruft.
Sie arbeiten auf sehr unterschiedlichen Untergründen – Leinwand, Aluminium, hauchdünnem Japan- und Chinapapier. Was verändert sich für Sie als Maler, wenn sich das Material so radikal verändert?
Michael Stich: Große Unterschiede gibt es nicht, denn der Hauptansatz ist immer der Versuch, meine Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Ich lasse zu, dass das Ergebnis je nach Malgrund unterschiedlich ist. Gerade das ist der spannende Prozess, den ich sehr liebe und der mich herausfordert.
In Ihren Werken sehen wir fließende, weiche Farbverläufe, die auf eine extrem unruhige, fast körnige Umgebung treffen. Wie viel Kontrolle und wie viel kalkulierter Zufall stecken in diesem Schaffensprozess?
Michael Stich: Es ist eine Idee in meinem Kopf, die sich aus Material und Bearbeitung zusammensetzt. Beim Malen entstehen dann häufig Situationen, die nicht planbar sind. Aus diesem Grund spielt der Zufall in meinen Arbeiten immer eine große Rolle. Es ist eine große Herausforderung, loszulassen, diesen Prozess des Nichtplanbaren zuzulassen und ihn umzusetzen.
„Es ist eine große Herausforderung, loszulassen, diesen Prozess des Nichtplanbaren zuzulassen.“
Als jemand, der den Raum und die physische Dynamik aus dem Spitzensport kennt – inwiefern ist das Auftragen, Schleudern oder Fließenlassen der Farbe auf großen Leinwänden für Sie auch ein körperlicher, performativer Akt?
Michael Stich: Das spielt für mich keine Rolle, ich bin kein Performance-Künstler. Es dient ausschließlich dem Farbauftrag und der Gestaltung der Bilder.
‘Pushing Boundaries’ impliziert, dass man an eine Grenze stößt und sie aktiv verschiebt. Wo verläuft für Sie vor der Leinwand die Grenze zwischen absolutem Mut und dem Moment, in dem ein Bild ins Chaos kippt?
Michael Stich: Gute Frage, darüber habe ich mir offen gestanden noch nie Gedanken gemacht. Für mich erfordert das Malen eines Bildes keinen Mut und für mich existiert in einem Werk auch kein Chaos. Das Verschieben von Grenzen bedeutet für mich, offen zu sein für Neues und sich selbst nicht durch Vorurteile oder Engstirnigkeit zu begrenzen.
Um echte Grenzen zu verschieben muss man oft über die eigene Komfortzone hinausgehen. Nutzen Sie physische oder mentale Erschöpfung als Werkzeug, um intuitiver zu malen?
Michael Stich: Nein, das kann ich so nicht sagen. Das Bedürfnis zu malen entsteht meistens aus emotionalen Zuständen heraus, die mich inspirieren – positive wie negative. Beim Malen geht es mir nicht darum, etwas über mich herauszufinden, sondern das Bild soll etwas über mich aussagen.
In Ihren Titeln tauchen Welten auf, die weit auseinanderliegen: ‘Cradle of the Deep’, ‘Beautiful Mind’, ‘Disturbed Mind’, ‘Blooming Gold’. Gibt es ein inneres Thema, das alle diese Bilder zusammenhält?
Michael Stich: Nein, ein übergeordnetes inneres Thema gibt es nicht. Es sind die Materialität und vor allem meine Emotionen, die die Bilder zusammenhalten, denn jedes Bild ist ein Teil von mir. Und natürlich stehen beispielsweise alle Papierarbeiten in einem Zusammenhang, weil sie auf dem gleichen Material gemalt sind.
„Jedes Bild ist ein Teil von mir.“
WIRKUNG & RESONANZ
Wenn Sie in einer Ausstellung stehen und jemand schaut lange auf eines Ihrer Bilder – was hoffen Sie, dass in diesem Moment in ihm vorgeht?
Michael Stich: Ich hoffe sehr, dass der Betrachter sich auf das Bild einlässt. Dass eine Emotion entsteht und seine Gedanken das normale Leben, den Alltag für einen Moment verlassen. Wenn dies geschieht, dann habe ich mit meinem Bild etwas geschafft.
Kunst zu sammeln und selbst Kunst zu schaffen – das ist ein großer Unterschied. Hat sich Ihr Blick als Sammler auf andere Künstler verändert, seit Sie selbst malen?
Michael Stich: Ich mag andere Werke vor allem, wenn sie etwas in mir auslösen. Der Sammler in mir kauft nach dem Motto: Das Bild muss gefallen und etwas mit mir machen. Die Wertschätzung für andere Künstlerinnen und Künstler hat sich nicht groß geändert.
Stellen Sie sich vor, eines Ihrer Werke hängt in zwanzig Jahren in einem fremden Wohnzimmer. Was würden Sie sich wünschen, was dieses Bild mit dem Menschen gemacht hat, der damit lebt?
Michael Stich: Ich wünsche mir, dass der- oder diejenige bei jedem Betrachten etwas Neues in dem Bild entdeckt. Dass es nicht langweilig wird und das Leben bereichert. So, wie das Leben selbst, ist es eine ständige Entwicklung, sich immer wieder neu mit einem Werk zu beschäftigen. Nichts ist schlimmer, als wenn ein Kunstwerk den Betrachter irgendwann langweilt.
„Ich wünsche mir, dass der Betrachter bei jedem Betrachten etwas Neues entdeckt.“
‘Push Boundaries’ – was ist die nächste Grenze, die Sie sich selbst setzen?
Michael Stich: Ich beschäftige mich gerade mit skulpturalen Arbeiten und habe Ideen in diesem Bereich. Das ist sehr spannend und ein ganz anderes Feld.
Die Ausstellung läuft noch – es lohnt sich, vorbeizuschauen. – Galerie Mond, Berlin
Interview: Sandra Friebel · Galerie Mond, Juli 2026
Kommentar hinzufügen
Kommentare