Jean-Remy von Matt: Melting into Meaning

Veröffentlicht am 19. August 2026 um 20:00

Ein Gespräch über Vergänglichkeit, Loslassen und die Kunst, Zeit als Kapital zu begreifen.

Er hat Kampagnen gemacht, die Menschen auswendig kennen. Jahrzehntelang hat Jean-Remy von Matt als einer der einflussreichsten Kreativen im deutschsprachigen Raum Bilder in Köpfe gepflanzt – präzise, wirkungsstark, auf den Punkt. Jetzt schmelzen bei ihm die Kerzen. Buchstäblich.

Zur Eröffnung seiner Ausstellung „Melting into Meaning“ in der Galerie Mond habe ich mit Jean-Remy von Matt über den Abschied vom Auftraggeber, die Faszination des Vergänglichen und die Frage gesprochen, was bleibt, wenn das Licht erlöscht.

 

Bild: Jean-Remy von Matt 

Bild: Jean-Remy von Matt 


DER ROLLENWECHSEL: VOM GESTALTER ZUM SEISMOGRAPHEN

Sie haben jahrzehntelang den Zeitgeist mitgeprägt. Nun beobachten und sezieren Sie ihn eher. Fühlt sich dieser Rollenwechsel wie ein Ausbruch aus dem System an, das Sie selbst mitgebaut haben?

Jean-Remy: Das sehe ich anders. Als Kreativer in der Werbung habe ich den Zeitgeist nie definiert, sondern mich ihm untergeordnet – und bin ihm in meinen Kampagnen gefolgt. Denn Werbung ist nur wirksam, wenn sie ihr Publikum sofort erreicht. Jetzt, als Konzeptkünstler, befreie ich mich vollständig von aktuellen Trends und folge stattdessen zeitlosen Gedanken.

 

In Ihrer Biografie „Am Ende“ schreiben Sie sehr offen über das Ende eines Lebensabschnitts. Ist Ihre aktuelle Kunst der bewusste Versuch, den Begriff „Ende“ von seinem Schrecken zu befreien?

Jean-Remy: Ja, das kann man so sehen. Denn jedes Ende ist die leise Aufforderung zu einem neuen Anfang – der ohne dieses Abschließen nicht entstehen kann. Das Buch ist tatsächlich eine Art Schlussstrich geworden und hilft mir, aus dieser Zeit nichts zu vermissen.

„Jedes Ende ist die leise Aufforderung zu einem neuen Anfang.“

 

Bild: Jean-Remy von Matt 

In der Werbung war Vergänglichkeit oft der „Feind“ – jede Kampagne musste sofort wirken. In Ihrer Kunst ist sie Ihr zentrales Material. Was fasziniert Sie daran?

Jean-Remy: Erst wenn einem Vergänglichkeit wirklich nahekommen, beginnt man über sie nachzudenken. Allerdings ist sie auch ein sperriges, kontroverses, oft angstbesetztes Thema. Umso reizvoller ist es, sich in künstlerischen Ideen damit auseinanderzusetzen.

DER PROZESS: WENN DAS WERK EIN EIGENLEBEN ENTWICKELT

 

Ihre „Lebenszeit-Skulpturen“ und nun die schmelzenden Kerzen – Sie arbeiten mit Materialien, die sich buchstäblich auflösen. Ist das ein Akt der Demut?

Jean-Remy: Was mich in meinem früheren Leben als Werber zunehmend störte, war die schwindende Halbwertszeit der Ideen. Alles war immer kürzer getaktet. Auch das ist ein Grund, warum ich jetzt Dinge schaffen will, die kein Verfallsdatum haben. Meine Kerzen mögen sich auflösen – aber ich halte sie auf Bildern für die Ewigkeit fest.

 

„Meine Kerzen mögen sich auflösen – aber ich halte sie auf Bildern für die Ewigkeit fest.“

 

 

Bild: Jean-Remy von Matt

 

Verwenden Sie das „analoge Schmelzen“, um die Flüchtigkeit unserer digitalen Existenz greifbar zu machen?

Jean-Remy: Nein, der Titel der Ausstellung „Melting into Meaning“ hat keinen explizit digitalkritischen Bezug. Die Arbeiten drehen sich um unser Leben an sich. Dieses war schon immer vergänglich – und früher noch weit vergänglicher als heute, in einer Zeit, in der Longevity-Apologeten Gesundheit bis weit über 100 versprechen.

 

Im Atelier – lassen Sie da den Kopf einfach mal ganz weg? Wie fühlt es sich an, wenn eine Idee plötzlich „da“ ist?

Jean-Remy: Den Kopf lasse ich nie ganz weg – meine Ideen sind von Grund auf gedanklich. Aber befreiend ist natürlich, dass ich als Künstler selbst bestimmen kann, welche Idee ich verfolge. Ich muss keinem Auftraggeber folgen und mich keinem Massengeschmack unterwerfen.

 

DIE WIRKUNG: KUNST ALS ANKER IM ALLTAG

 

Wenn man vor Ihren Arbeiten steht, wirken sie wie ein Gegenüber, nicht wie Exponate. Suchen Sie nach dem Punkt, an dem das Objekt den Raum „aufzuladen“ beginnt?

Jean-Remy: Mein Ziel ist grundsätzlich, interaktive Konzeptkunst zu schaffen – Arbeiten, die die träge Masse Gehirn in Schwingungen bringen. Was nicht bewegt, hat nur noch eine zweite Chance, sinnvolle Kunst zu sein: Es muss gefallen. Aber Gefälligkeit war noch nie mein Ding.

 

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeiten heute mehr denn je ein „Anker“ sein müssen?

Jean-Remy:  Ich freue mich sehr, dass meine bislang erfolgreichste Arbeit, die Carpe Vitam Clock, genau so wirkt. Für viele Menschen ist sie eine Art Lebensbegleiter geworden – ein ruhender Pol, der nie ruht, sondern immer mahnt, die verbleibende Zeit achtsam und sinnvoll zu nutzen. Ich habe schon 87 davon gebaut und freue mich über jede neue Bestellung auf lifetimesculptures.com.

 

„Ein ruhender Pol, der nie ruht – sondern immer mahnt, die Zeit sinnvoll zu nutzen.“

 

Bild: Jean-Remy von Matt

 

Ist Ihre wandelbare Kunst eine Einladung an den Betrachter, das Leben nicht mehr so starr zu sehen?

Jean-Remy: Der Kern meiner Arbeiten ist der Gedanke, dass wir vergänglich sind – und das Beste aus der Zeit machen sollten, die uns bleibt. Darin steckt die Einladung, Zeit nicht wie Erspartes festhalten zu wollen, sondern sie als Kapital zu begreifen, mit dem man wichtige Investitionen tätigen kann.

 

„Melting into Meaning“ – was ist die größte Überraschung, die Ihnen Ihre eigene Kunst über sich selbst offenbart hat?

Jean-Remy: Dass konzeptionelle Arbeiten wie meine, die sich mit unserem Leben befassen, einen flüchtigen Galeriebesuch oft überfordern. Ich hörte von Besucherinnen und Besuchern immer wieder, dass der eine oder andere Gedanke erst im Nachhinein seine Wirkung entfaltete.

 

Wenn Sie die „Essenz“ Ihrer aktuellen Arbeit in einen einzigen Satz fassen müssten – welcher wäre das?

Jean-Remy: Nichts ist so unvergänglich wie unsere Vergänglichkeit.

 

„Nichts ist so unvergänglich wie unsere Vergänglichkeit.“

 

 

Die Werke aus „Melting into Meaning"  können direkt über die Galerie Mond angefragt und erworben werden: galeriemond.de

 

 

Interview: Sandra Friebel · Galerie Mond, 2026

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