Berlin riecht nach Müll, Freiheit und Currywurst

Veröffentlicht am 29. September 2026 um 16:36

Jonas Hödicke malt die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Nicht das Berlin der Postkarten. Nicht das Berlin der Touristen. Sondern jenes Berlin, das sich in Mülltonnen spiegelt, in herrenlosen Einkaufswagen, in den Skeletten verlassener Fahrräder, im Flügelschlag der Tauben und im Schwefelgeruch explodierender Feuerwerkskörper mitten auf der Straße. Ein Berlin, das man riechen kann.

 

Im Bikini Berlin präsentiert CSR.ART vom 22. September bis zum 17. Oktober 2026 die Ausstellung MEIN BERLIN mit den Werken von Jonas Hödicke. Die Vernissage findet am 1. Oktober 2026 von 18 bis 21 Uhr statt, mit Künstlergespräch um 19 Uhr.

 

Künstler Jonas Hödicke

 

DER EINKAUFSWAGEN ALS BERLINER WAPPEN

Es beginnt mit einem Objekt, das jeder kennt und niemand beachtet: dem Einkaufswagen.

„Das verbindet ja im Endeffekt auch uns alle. Der Millionär schiebt seinen Einkaufswagen im Frischeparadies (Anm. d. Red.: Luxus-Supermarktkette in Berlin), und der Obdachlose sein ganzes Zuhause. Und es bleibt der Einkaufswagen.“

Hödicke hat diese herrenlosen Wagen jahrelang beobachtet. Manche stehen einsam an der Haltestelle, zwei Bierflaschen darin. Andere tragen riesige Teppiche, als wäre gerade jemand umgezogen. Wieder andere sind übereinander gestülpt, Kunstwerke aus Versehen. Was zunächst banal wirkt, entpuppt sich als soziales Barometer der Stadt.

„Es ist ja wie mit so Sachen: Wenn man sich einmal drum kümmert oder sich damit beschäftigt, sieht man das überall. Vielleicht war das schon die ganze Zeit immer so, aber auf einmal siehst du es überall.“

Diese selektive Wahrnehmung wird zum künstlerischen Prinzip.

 

 

VOM GROSSEN INS KLEINE

Aus dieser Beobachtung entsteht ein Arbeitsprozess, der sich vom großen Format ins Detail vorarbeitet. Hödicke malt zunächst zwei Meter fünfzig hohe Eingangstüren und -Pforten - echte Portale, die man öffnen möchte. „Sesam, öffne dich“ hätte die Serie heißen können. Später werden es Mülltonnen in Originalgröße. Erst dann folgen kleinere Formate.

„Bei einem großen Format, zwei mal drei Meter, wenn da mal so eine kleine Ecke nicht so hundertprozentig ist, deckt das andere das dann so ein bisschen ab. Die kleinen Sachen, die müssen dann wirklich stimmen.“

Kleine Bilder sind intim und erfordern Präzision. Große Bilder sind körperlich, expressiv. Beides hat seinen Platz in Hödickes Arbeit, doch der Weg führt stets vom Überwältigenden zum Konzentrierten.

MALEN ALS ERKENNTNISPROZESS

Dieser Weg vom Großen ins Kleine ist mehr als eine technische Entscheidung. Er ist eine Methode der Erkenntnis.

„Man versteht seine Umwelt manchmal erst dann richtig gut, wenn man sie gemalt hat.“

Beim Malen verändert sich der Blick. Was zunächst nebensächlich erschien, rückt ins Zentrum. Eine Mülltonne am Straßenrand wird zum Hauptmotiv. Drei E-Scooter werden zu den „drei Musketieren“ des modernen Stadtbilds.

„Und dann merkst du: Okay, das kann man weglassen, darauf kommt es an.Und dann zoomst du halt immer mehr ran, immer mehr ran.“

Am Ende bleibt die Mülltonne. Nicht die Mülltonne an der Häuserecke, sondern die Mülltonne selbst. Das Malen wird zur Linse, durch welche die Stadt schärfer sichtbar wird.

 

 

DIE KUNST, LIVE DABEI ZU SEIN

Hödicke malt, als wäre man live dabei. Nicht fotorealistisch. Nicht naturgetreu im handwerklichen Sinn. Sondern atmosphärisch. Denn fotorealistische Perfektion vermittelt nicht jenes Gefühl, das entsteht, wenn zwei Meter weiter mitten auf der Straße ein Feuerwerk ausbricht – und mit ihm die Angst, dass es gleich das nebenan geparkte Auto einfängt. Während die Farben Freude, Spannung und Furcht zugleich aufkochen lassen, entsteht die Verlockung, selbst den ein oder anderen Böller zu zünden.

Wer Sylvester dieses Jahr den Schichtdienst erwischt hat, dem sei geraten, diese Bilder mit an den Arbeitsplatz zu nehmen. Wer sie ansieht, ist live dabei im Berlin, wie es wirklich ist. Hop-on-Hop-off-Busse? Die braucht es nicht. Wer Berlin wirklich kennen will, findet es bei Jonas Hödicke.

EINE ABRECHNUNG MIT BERLIN

Was Hödicke durch seine malerische Linse sieht, ist keine idyllische Stadtansicht. „Es ist so ein bisschen meine Abrechnung mit der Stadt“, macht er deutlich. Nicht bewertend gemeint. Nicht nur gut, nicht nur schlecht. Sondern ehrlich. Diese Ehrlichkeit speist sich aus biografischer Nähe. Hödicke ist in Berlin aufgewachsen. Er kennt die Spielplätze, die Bolzplätze, die Parkbänke, an denen er mit Freunden philosophiert hat. Die U-Bahn-Linie vom Cottbusser Tor zur Prinzenstraße. Den Stuttgarter Platz mit seinen Bordellen und Strip-Läden, in die er sich als Kind mit seinen Freunden reinschmuggeln wollte. All das malt er. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil es ihn geprägt hat.

„Ich wollte die Stadt malen, wie ich sie erlebt habe.“

Diese Erfahrung unterscheidet sich fundamental von der Perspektive dessen, der Berlin erst mit Mitte zwanzig entdeckt.

 

 

VOM BILDHAUER ZUM MALER 

Dass Hödicke überhaupt malt, ist einem Zufall geschuldet. Er hat Bildhauerei studiert. Skulpturen aus Draht und Stahl. 2013 kehrte er nach Berlin zurück und zog in ein Atelier im dritten Stock. Kein Schweißen mehr. Kein lautes Hämmern. Die räumlichen Grenzen erzwangen eine künstlerische Wende.

„Und für mich war es immer ein Problem, diese kleinen Modelle, die ich gemacht habe, für Menschen nahezubringen - zu sagen: Ich möchte das aber irgendwann mal in drei Meter machen.“

Also fing er an zu malen. Zuerst zeichnete er seine Drahtfiguren ab. Dann wurden die Bilder malerischer. Die Ansprüche veränderten sich. Heute malt er hauptsächlich. Die Skulpturen sind nicht vergessen. Aber der Fokus liegt heute auf der Malerei.

WENN BILDER IM WOHNZIMMER ATMEN 

Aus dieser Entwicklung resultiert ein besonderes Verhältnis zu den eigenen Werken. Hödicke denkt nicht in dekorativen Kategorien.

„Ich habe ja nichts davon, wenn ich ästhetisch ganz tolle Bilder habe, die nicht gesehen werden. Ich sitze ja jeden Tag da drin im Atelier. Ich muss irgendwie, wenn ich das Bild dann sehe, eine gute Stimmung machen.“

Hödickes Bilder sind keine Dekoration. Sie sind Gespräche. Sie sind Erinnerungen. Sie sind Berlin. Wer eines erwirbt, kauft nicht nur ein Bild. Sondern ein Stück Stadt. Ein Stück Leben. Ein Stück Wahrheit.

„Es geht ja nicht darum, genau das Detail zu treffen und hundertprozentig originalgetreu zu sein. Es geht um Atmosphäre.“

Diese Atmosphäre transportiert sich in jeden Raum, in dem die Bilder hängen.

 

 

WENN DER KÜNSTLER VERSCHWINDET

Hinter dieser Haltung steht eine bemerkenswerte Bescheidenheit.

„Das Bild ist das Wichtige, nicht ich. Ich kann ja so viel erzählen, wie ich will. Aber am Ende, wenn ich nicht mehr bin, ist das Bild noch da. Und das muss dann bestehen.“

Das ist der Anspruch. Nicht, dass der Künstler im Mittelpunkt steht. Sondern das Werk. Das Bild, das für sich spricht. Der Künstler tritt zurück, damit das Bild sprechen kann.

DER ANTRIEB

Was einen Künstler antreibt, der seine Arbeit derart relativiert? Eine Mischung aus Bewunderung und Unzufriedenheit.

„Ich will sagen so: Verdammt, der Penner hat das einfach so auf den Punkt gekriegt. Ich darf gar nicht weiter hier rumblödeln. Ich muss ins Atelier und sofort weitermachen.“

Das ist der Antrieb. Nicht der Erfolg. Nicht der Verkauf. Sondern die Herausforderung. Das nächste Bild. Das bessere Bild. Das wahre Bild. Es ist jener produktive Neid, den Künstler empfinden, wenn sie sehen, wie ein anderer etwas geschafft hat, das sie selbst noch nicht können. „Ich möchte neidisch auf einen anderen Künstler sein“, sagt Hödicke. Nicht aus Missgunst. Sondern aus dem Wunsch, selbst besser zu werden.

 

BERLIN BLEIBT

Am Ende aller künstlerischen Fragen steht eine existenzielle: die Beziehung zur Stadt.

„Man kommt nicht weg von Berlin. Man verflucht sie, man hasst sie, man liebt sie, man will immer weg. Und am Ende bleibt man doch irgendwie immer hier. Warum auch immer.“

Vielleicht, weil die Stadt so ist wie seine Bilder. Schmutzig. Lebendig. Widersprüchlich. Wahr. Wer Hödickes Bilder betrachtet, betrachtet nicht nur Berlin. Sondern die Möglichkeit, eine Stadt zu lieben, ohne sie zu beschönigen.

Die Ausstellung zeigt Berlin nicht als Ansammlung bekannter Sehenswürdigkeiten, sondern als Stadt der Überreste, Routinen und persönlichen Erinnerungen. Mülltonnen, Einkaufswagen, Fahrradleichen, Feuerwerk und U-Bahn-Szenen werden zu Trägern einer urbanen Atmosphäre, die zugleich vertraut, widersprüchlich und international verständlich ist.

 

 

Die Ausstellung wird präsentiert in Zusammenarbeit mit der Charlottenburger Galerie Mond. Dort sind noch bis zum 3. Oktober 2026 Hödickes Skulpturen aus Draht und Stahl sowie seine Gemälde und Zeichnungen mit der gleichen Motivik zu sehen.

 

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